Nelken bei hohem Blutzucker: Warum dieses alte Hausmittel plötzlich wieder so viele Menschen interessiert
Es gibt Lebensmittel, die jahrelang unbeachtet im Küchenschrank stehen – bis man irgendwann hört, was andere Menschen damit machen.
Bei mir waren es Gewürznelken.
Ich kannte sie eigentlich nur aus der Weihnachtszeit. Zwei oder drei Nelken kamen in den Glühwein, manchmal steckte meine Mutter sie in eine Orange, und meine Großmutter verwendete sie für Rotkohl, Kompott oder eingelegte Früchte.
Danach wanderte das kleine Gewürzglas wieder nach hinten in den Schrank.
Bis ich eines Tages einen Beitrag las, in dem jemand behauptete, jeden Morgen Nelken zu kauen. Angeblich seien dadurch seine Blutzuckerwerte deutlich besser geworden.
Unter dem Beitrag standen unzählige Kommentare.
„Das hat meine Oma schon gemacht.“
„Ich trinke jeden Morgen Nelkenwasser.“
„Seitdem sind meine Werte viel besser.“
Und natürlich auch die besonders spektakulären Aussagen:
„Mit Nelken habe ich meinen Diabetes besiegt.“
Spätestens bei solchen Sätzen sollte man genauer hinschauen.
Denn zwischen einem interessanten traditionellen Hausmittel und einem angeblichen Heilmittel liegt ein gewaltiger Unterschied.
Trotzdem ließ mich das Thema nicht los.
Warum werden Nelken überhaupt mit dem Blutzucker in Verbindung gebracht? Was steckt in diesen kleinen braunen Knospen? Und kann es sinnvoll sein, sie häufiger in der Küche zu verwenden?
Ich habe mich näher damit beschäftigt – und dabei festgestellt, dass die Wahrheit deutlich interessanter ist als manches Versprechen im Internet.
Ein Gewürz, das viele von uns unterschätzen
Gewürznelken sehen unscheinbar aus.
Klein, dunkelbraun und hart liegen sie meistens irgendwo zwischen Zimt, Muskat und Lorbeerblättern.
Dabei handelt es sich bei einer Nelke nicht etwa um einen Samen, sondern um die getrocknete Blütenknospe des Gewürznelkenbaums.
Schon beim Öffnen der Packung merkt man, wie intensiv dieses Gewürz ist.
Der typische Geruch stammt zu einem großen Teil von Eugenol, einem natürlichen Pflanzenstoff, der wesentlich zum charakteristischen Aroma der Nelke beiträgt.
Wer einmal auf eine ganze Nelke gebissen hat, kennt den Effekt: Zuerst schmeckt sie würzig und leicht süßlich, kurz darauf ziemlich kräftig und scharf. Im Mund kann anschließend sogar ein etwas betäubendes Gefühl entstehen.
Genau diese Intensität ist einer der Gründe, weshalb Nelken seit Jahrhunderten nicht nur zum Kochen verwendet werden.
Heute interessieren sich Wissenschaftler unter anderem für die verschiedenen Pflanzenstoffe und antioxidativen Eigenschaften des Gewürzes.
Das klingt zunächst vielversprechend.
Es bedeutet aber noch lange nicht, dass ein paar Nelken am Morgen eine Krankheit behandeln können.
Warum werden Nelken mit Blutzucker in Verbindung gebracht?
Hier beginnt der Teil, der in sozialen Netzwerken häufig stark vereinfacht wird.
Zu Nelken und ihren Inhaltsstoffen gibt es wissenschaftliche Untersuchungen, die sich unter anderem mit dem Glukosestoffwechsel beschäftigen.
Das ist interessant und rechtfertigt weitere Forschung.
Zwischen der Aussage
„Bestimmte Inhaltsstoffe könnten interessante Auswirkungen auf Stoffwechselprozesse haben“
und
„Iss jeden Morgen drei Nelken und dein Diabetes verschwindet“
liegt jedoch ein enormer Unterschied.
Gerade dieser Unterschied geht in vielen Internetbeiträgen verloren.
Eine kleine Studie, eine Laboruntersuchung oder ein interessantes Ergebnis wird schnell zu einer spektakulären Überschrift.
Und spektakuläre Überschriften verbreiten sich nun einmal besser als vorsichtige wissenschaftliche Formulierungen.
Kann man Diabetes mit Nelken heilen?
Die klare Antwort lautet:
Dafür gibt es keinen seriösen Nachweis.
Diabetes mellitus ist keine Erkrankung, die man mit einem einzelnen Gewürz verschwinden lassen kann.
Außerdem gibt es unterschiedliche Formen von Diabetes.
Bei Typ-1-Diabetes produziert der Körper aufgrund einer Autoimmunreaktion kein beziehungsweise zu wenig eigenes Insulin. Bei Typ-2-Diabetes spielen unter anderem Insulinresistenz, genetische Faktoren, Ernährung, Bewegung und Körpergewicht eine Rolle.
Deshalb wäre es gefährlich, alle Formen der Erkrankung in einen Topf zu werfen und ein einfaches Hausmittel als Lösung anzubieten.
Bei Typ-2-Diabetes können Veränderungen des Lebensstils einen erheblichen Einfluss haben. Ernährung, Bewegung und gegebenenfalls eine Gewichtsabnahme können die Stoffwechselsituation verbessern.
Doch auch dann besteht eine erfolgreiche Veränderung normalerweise nicht aus einem einzigen Lebensmittel.
„Aber bei meinem Nachbarn hat es funktioniert!“
Solche Kommentare liest man bei Hausmitteln ständig.
Und ich glaube durchaus, dass viele Menschen ehrlich berichten, was sie erlebt haben.
Das Problem liegt woanders.
Stellen wir uns einen Mann vor, dessen Blutzuckerwerte über längere Zeit erhöht waren.
Er beschließt, etwas zu verändern.
Ab diesem Zeitpunkt trinkt er morgens Nelkentee.
Gleichzeitig lässt er die zwei Löffel Zucker im Kaffee weg.
Statt drei Brötchen frühstückt er nur noch eines und dazu Eier und Gemüse.
Nach dem Abendessen geht er jeden Tag 30 Minuten spazieren.
Er trinkt weniger Limonade.
Nach drei Monaten hat er einige Kilogramm verloren.
Seine Blutzuckerwerte verbessern sich.
Was erzählt er anschließend seinen Freunden?

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